Fragt man ihn zum Beispiel:``Was hat eine Wiese für eine Farbe?'' so ist er nicht im stande, das Wort ``grün'' [...] zu finden. Die Frage: ``Was hat Zucker für eine Farbe?'' hat das gleiche Resultat. ``Wie viele Beine hat ein Pferd?'' Er findet die Antwort nicht. Genauso ist es bei allen optischen Eigenschaften eines ihm genannten Gegenstandes: nicht ein einziges Mal ist er im stande, die richtige Antwort zu geben.
(WOLFF 1897:10)
Fragt man ihn nach der Farbe der Blätter, so geht er ans Fenster und sucht sich den Anblick eines Baumes zu verschaffen, und sobald ihm dies gelungen ist, ist er im stande, das Wort ``grün'' [...] anzugeben. Er weiß also ganz genau, was man von ihm will, es fehlt ihm nur die sinnliche Vorstellung. Es nützt ihm nichts, wenn er bloß grüne Gegenstände sieht, er muß wirklich grüne Blätter sehen. [...] Fragt man ihn: ``Wie viel Beine hat ein Pferd?'' so geht er ans Fenster und wartet, bis ein Pferd vorübergeht. [...] Ich fragte ihn einmal nach der Farbe des Blutes. Er besinnt sich lange, sieht hülflos im Zimmer umher, schließlich drückt er sich eine auf der Hand befindliche kleine Pustel auf, bis er einen Tropfen Blut sieht, und nun giebt er [...] die Antwort ``rot''. Rote Gegenstände waren dabei zahlreich im Zimmer, so daß er hinreichend Gelegenheit hatte, sich einen sinnlichen Eindruck des ``Rot'' zu verschaffen, aber der sinnliche Eindruck allein genügt eben nicht, ihn die Eigenschaft finden zu lassen, es muß ihm der Gegenstand selbst gegeben werden.Weiterhin mußte der Würzburger Bierbrauer-Geselle J. Voit nach seinem Treppensturz erst ein Stück Zucker im Mund schmecken oder kochendes Wasser an seinen Fingern spüren, bevor er zu den Stimulusobjekten die nicht-visuellen Eigenschaften benennen konnte. Neben den für die Benennung von nicht-visuellen Objekteigenschaften notwendigen olfaktorischen und taktilen Modalitäten produzierte der Patient das geforderte Wort Donner beispielsweise ausschließlich über die dazugehörige akustische Modalität.
(WOLFF 1897:13f.)
Eigentümlich ist vor allem, daß bei unserem Kranken fast allen Dingen gegenüber [...] ein bestimmter Sinn immer eine ganz besondere Rolle spielt. Nur dieser eine Sinn kann namensauslösend wirken. Durch die anderen Sinne kann zwar, wie wir sahen, der Gegenstand bis zu einem gewissen Grade erkannt, aber nicht benannt werden.
(WOLFF 1897:32)
Bei unserem Kranken sind nun die Erinnerungsvorstellungen ausgeschaltet, das wechselvolle Spiel der Assoziationen [...] ist aufgehoben, und es kann daher bei ihm genau geprüft werden, welche Vorstellungen zur Namensfindung nötig sind.Nach WOLFF (1897) konnte J. Voit nur benennen, wenn ihm der zu benennende Gegenstand über den objektspezifisch dominanten sensorischen Kanal dargeboten wurde. Gleichzeitig konnte er nur solche Eigenschaften von Objekten angeben, die ihm unmittelbar sinnlich zugänglich waren. G. Wolff betrachtet die erwähnten Defizite als Ausdruck einer Störung der polymodalen sensorischen Assoziationen, die die Grundlage der Objektrepräsentationen der Wortbedeutungvorstellungen darstellen. BARTELS et al. (1994) betonen die Bedeutsamkeit der Fallstudie von VOIT, denn ein weiterer ähnlicher Fall sei ihres Wissens nach nicht mehr in der aphasiologischen Literatur zu finden.
(WOLFF 1897:34f.)
Für Theorien über die Grundlage des semantischen Lexikons wären kognitiv neuropsychologische Einzelfallstudien mit Patienten wie Voit von herausragendem Interesse. Sie würden der für die Theorienbildung über die Repräsentation semantischer Information hochbedeutsamen Diskussion über kategorie- und modalitätsspezifische Benennstörungen [...] eine neue Dimension geben und klassische Vorstellungen über die assoziative Basis semantischer Repräsentationen mit neuem Leben erfüllen.Erstmals wurden durch die Arbeiten von LHERMITTE/BEAUVOIS (1973), BEAUVOIS et al. (1978), BEAUVOIS/SAILLANT (1985) sowie RIDDOCH/HUMPHREYS (1987) Patienten mit modalitätsspezifischen Aphasien unter dem Status modalitätsspezifische Wortfindungsstörungen genauer erforscht.
(BARTELS et al. 1994:219)
Hinsichtlich dieser geschilderten Beeinträchtigungen plädieren einige Forscher wie SHALLICE (1987), HILLERT (1990a) sowie VISCH-BRINK et al. (1997) dafür, visuelle und verbale Semantik als verschiedene, modalitätsspezifische semantische Systeme anzusehen, die selektiv gestört sein können.
Abgesehen von der Bindegliedfunktion, die das semantische System zwischen Sprachrezeption und -produktion ausübt, kann das System selbst auch in distinktive Komponenten aufgeteilt werden: lexikalische Semantik und visuelle Semantik.Dabei ist festzuhalten, daß Störungen in beiden oder auch nur in einem dieser Systeme weder vom Aphasietyp noch vom Schweregrad der Aphasie voraussagbar erscheinen. Da die Annahme eines multiplen Ansatzes nicht mit dem klassischen psycholinguistischen Modell von WERANI (1997), das ein supramodales semantisches Lexikon vorschlägt, vereinbar ist, weist HILLERT (1990a:114) das Postulat eines sprachspezifischen semantischen Lexikons zurück und schlußfolgert, daß sich lexikalisch konzeptuelle Informationen in zwei Hauptstrukturen unterscheiden. Die Abbildung 24 zeigt die beiden Repräsentationsformen, die als multiple Konzeptstrukturen (= Sub-konzeptuelle Strukturen) und Wissensstrukturen (= Super-konzeptuelle Strukturen) bezeichnet werden.
(VISCH-BRINK et al. 1997:207)
Abbildung 24: Repräsentationsebenen sprachlicher und nicht-sprachlicher
Informationen (Quelle: HILLERT 1990a:115)
Der Wortabrufprozess erfolgt hier durch die Beteiligung von multipel
organisierten Konzeptualisierungsprozessen. Ein bildlich dargebotenes Objekt
wie TISCH beispielsweise kann ausschließlich über seine perzeptuellen
Merkmale benannt werden, d.h. ohne den Abruf des gespeicherten sprachlichen
Wissens von ``Tisch'', wie zum Beispiel die Definition eines ``Tisches''
und sein semantisches Feld. Ist aber ein untypischer Tisch zu benennen,
müssen laut HILLERT (1990a) gedankliche Prozesse in Form von ``Inferenzleistungen''
vollzogen werden, um das Stimulusobjekt mit dem Begriff eines ``Tisches''
in Zusammenhang zu bringen. Diese kognitiven Leistungen werden als ``super-konzeptuelle
Prozesse'' etikettiert.
Abschließend kann festgehalten werden, daß super-konzeptuelle
Prozesse nach HILLERT (1999a)
intra subjektiv sehr unterschiedlich repräsentiert sein [können]. Sprachliches Verhalten, das auf Inferenzleistungen beruht, stellt sicherlich eher ein Produkt des kulturellen Bildungsweges dar als von angeborenen sprachspezifischen Dispositionen.
(HILLERT 1990a:114)